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Kuschelzeit am Winterwochenende

Heute ist das erste richtig kalte Winterwochenende bei uns im Norden, aber zum Leidwesen der Kinder reicht der Schnee noch nicht zum Schlittenfahren oder Schneemannbauen. Bei minus acht Grad und starkem Wind haben wir es auch nur einen kurzen Spaziergang lang draußen ausgehalten, seitdem ist der Ofen an und wir genießen den Rest des Tages daheim. Nach dem Trubel der Woche mit vielen Terminen, Spielverabredungen und der üblichen Kindergarten-Schule-Sport-Musik-Arzt-Logistik tut das uns allen gut.

Winterwochenenden mit kleinen Kindern haben ja immer ein gewisses Risikopotenzial. So ein Tag ohne Kindergarten kann manchmal gaaaaanz schön lang werden, vor allem als die Kinder kleiner waren und ständig von uns beschäftigt werden wollten, während wir Eltern uns auch mal nach Ruhe und einem guten Buch auf der Couch sehnten. Dass Papa auch öfter am Wochenende arbeiten musste, hat das Ganze nicht einfacher gemacht. Manchmal war es mit zwei Kleinkindern und einem kleinen Säugling schon eine riesengroße Herausforderung, eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bringen. Und während ich das Trinchen stillte, konnte ich mich eigentlich darauf verlassen, dass die großen Brüder in der Zeit eben NICHT lieb spielten, sondern sich entweder stritten oder ihre Legosteine im ganzen Haus verteilten.

Mittlerweile ist alles viel, viel leichter geworden. Den Wissenschaftler und seinen Bruder habe ich jetzt schon fast zwei Stunden nicht mehr gesehen. Sie sind nach dem Mittagessen in einem Kinderzimmer verschwunden und spielen dort mit ihren Schleich-Tieren, die zwischen „großen Naschi-Bergen“ (ihren gefalteten Bettdecken) Abenteuer mit Dinosauriern, Raumschiffen und Drachen erleben.

Das Trinchen sitzt an mich gekuschelt auf dem Sofa und blättert zum hundertsten Mal in ihrem aktuellen Lieblingsbuch, dem Fotoband „Ein Kind entsteht“ mit wunderschönen Bildern der Entwicklung eines Kindes im Mutterleib. Fast jedes Foto kommentiert sie mit „So war ich auch mal, Mama, oder?“

Dabei kribbelt in meinem eigenen Mutterleib schon die Vorfreude: In einer Woche wollen wir ihr und ihren Brüdern endlich von dem neuen Geschwisterchen erzählen, das nun seit fast zwölf Wochen in meinem Bauch heranwächst. Donnerstag habe ich noch einmal einen Ultraschalltermin bei meiner Frauenärztin, und abends kommt er dann, der große Moment. Obwohl es unser viertes Kind sein wird, ist es für uns trotzdem etwas Besonderes, denn beim zweiten und dritten Kind waren die älteren Geschwister jeweils entweder zu jung oder zu uninteressiert, um die Schwangerschaft wirklich zu verstehen.

Dieses Mal ist es anders. Der Wissenschaftler wird schon bald acht Jahre alt und antwortete letztens auf die Frage, ob er gerne noch weitere Geschwister hätte:„Wäre doch cool, wenn wir mehr Kinder in der Familie sind, dann hätten wir ja auch mehr Spielkameraden zuhause, Mama“. Herr Mittelpunkt wünscht sich schon seit langem „noch zwei Schwestern und einen Bruder, ja?“, und das Trinchen freut sich über ein „echtes Baby“ zu ihrem Geburtstag ganz bestimmt.

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Kontaminierte Gummibärchen und mitleidige Blicke

Heute durfte ich einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachgehen: Mit drei Kindern zum Arzt. Leider nicht zum Kinderarzt… dort warten ja viele Spielsachen, verständnisvolle Arzthelferinnen und neben meinen eigenen auch andere Quellen lauten Geschreis Kinder, so dass ein Besuch dort eigentlich meist recht locker abläuft.

Nein, dieses Mal suchte ich mit meiner Bande eine elegante Hautarztpraxis heim. Die Spielverabredung für Herrn Mittelpunkt und das Trinchen war kurzfristig geplatzt, so dass sie ihren großen Bruder zu seinem Termin begleiten mussten. Mit großen Augen versprachen mir die drei noch draußen vor der Praxis, drinnen auch „gaaaanz lieb“ zu sein. Dermaßen motiviert, trat ich mit ihnen ein.

Während wir noch am Tresen anstanden, verkündete das Trinchen auch schon: „Ich muss Pipi machen!“. Also schnell Jacken aus und mit allen Kindern auf die Toilette – das hat wenigstens den Vorteil, dass man weniger Zeit im Wartezimmer verbringen muss. Ein Blick aus dem Augenwinkel hatte mir gezeigt, dass dort nur einzelne, ruhig lesende Erwachsene saßen.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Kaum im Wartezimmer angekommen, begannen sich meine beiden verlässlichen Streithähne (Trinchen und Herr Mittelpunkt) laut um einen ganz bestimmten Stuhl zu streiten („Ich war hier zuerst!“ – „Nein, ich!“ – „Aber ich bin größer!“ – „Und ich hab Zöpfe!“). Sämtliche zunächst mit freundlicher, dann sehr bestimmter Stimme geäußerten Schlichtungsversuche prallten wirkungslos an den beiden ab, so dass ich das Trinchen auf meinen Schoß zwingen musste. Dies quittierte sie unter den teils mitleidigen, teils amüsierten Blicken der Mitwartenden auch umgehend mit einem durchdringenden „Mama, du bist blöd!“, was den Zuschauern wohl endgültig die Zweifel an der mangelnden Erziehung meiner Kinder nahm. Da weder Kinderbücher noch kindgerechte Zeitschriften aufzutreiben waren, durften die drei mit meinem einen Iphone spielen. Drei Kinder, ein Iphone. „Ich bin dran!“ – „Du warst vorhin aber länger!“ – „Ich will jetzt auch mal, Mama!“ Wenigstens sank die Lautstärke nun etwas, und die Mitwartenden widmeten sich wieder ihrer Lektüre.

Ungefähr zehn Stunden Minuten später wurden wir endlich aufgerufen. Während ich versuchte, mit der Ärztin ein kurzes Anamnesegespräch zu führen (der Wissenschaftler hat hartnäckige Warzen unter den Zehen, die sich allen Selbsttherapieversuchen widersetzen und ihn beim Laufen stören), hielt ich mit einer Hand das Trinchen davon ab, sich auf den Stuhl neben mir zu stellen und zischte Herrn Mittelpunkt zu, nicht zu seinem Bruder auf die Liege zu klettern.

Anschließend durften wir in einem Behandlungsraum noch eine Ewigkeit auf eine Arzthelferin warten, die die Abtragung und Vereisung durchführen sollte. Und wieder einmal war ich erstaunt, mit wie viel Kreativität mein Nachwuchs selbst in engsten Räumen ungeeignete Spielsachen findet: der Wissenschaftler und das Trinchen erkundeten hingebungsvoll einen Mülleimer, der zugegebenermaßen einen interessanten Öffnungsmechanismus hatte, aber dennoch mit ekligen Pflastern und Tupfern der vorher Behandelten gefüllt war. Während ich die beiden davon abhielt, ihn weiter anzufassen, hatte Herr Mittelpunkt auch schon eine Armstütze eines Behandlungsstuhls abgeschraubt. Es half auch nicht, dass der Behandlungsraum mehrere nur durch Stellwände abgeteilte Behandlungsstühle besaß, auf denen teilweise auch Leute warteten oder behandelt wurden, und die die Audioversion unseres Theaters live mitbekamen. Wer lauter war – die kichernden Kinder oder die zurechtweisende Mama, kann ich Gottseidank nicht beurteilen.

Doch auch der quälendste Termin naht irgendwann seinem Ende. Erstbehandlung geschafft. Auf die rhetorische Frage „Möchten die Kinder noch Gummibärchen?“ folgten strahlende Kinderaugen und glückliches Kauen – bis das erste rote Tierchen aus einer speckigen kleinen Hand hinunterfiel und ich Trinchen gerade noch daran hindern konnte, es vom Boden einer Arztpraxis (igitt!) aufzulesen und wieder in den Mund zu stecken.

Mit welchem Schreipegel wir die Praxis dann verließen, kann man sich ausmalen.

Ich freue mich schon auf den Kontrolltermin!