Vom Pieks, der seinen Schrecken verlor

Heute hatte das Trinchen nach fünf Wochen Alltag wieder einen Kontrolltermin bei ihrem Rheumatologen in der Kinderklinik. Nach dem letzten Rheumaschub im Oktober, der ihr ein entzündetes Sprunggelenk und eine Schleimbeutelentzündung im Knie beschert hatte, hatten wir die Dosis ihrer Medikamente erhöhen müssen und waren nun gespannt,

  • ob die höhere Dosis des Immunsuppressivums weiterhin keine Nebenwirkungen verursacht hat, und
  • ob die Gelenke nach der letzten stationären Punktion noch immer Ruhe geben.

Für das Trinchen sind diese Termine schon seit zwei Jahren Routine. Sie laufen immer gleich ab: Der Arzt untersucht freundlich und spielerisch, aber gründlich die Beweglichkeit jedes einzelnen Gelenks, vom Kiefer bis zu den Zehen. Dann heißt es ausziehen, auf die Liege legen und geduldig bei der ungefähr zehnminütigen Ultraschalluntersuchung stillhalten. Trinchen genoss wie immer das Ultraschallgel und verteilte es großzügig („Das ist schöne Creme, Mama!“) auf ihren Armen und Beinen. Mittlerweile ist sie ein großes Mädchen und macht das alles ganz alleine – früher hatte ich alle Hände voll zu tun, sie auf der Liege stillzuhalten und abzulenken.

Glücklicherweise fanden sich keine neuen Entzündungen, und alle Gelenke waren super beweglich.

Im Anschluss kam dann der Teil des Termins, der in letzter Zeit zunehmend schwieriger für sie geworden war: die Blutentnahme. Ohne diese geht es leider nicht, denn es müssen Entzündungswerte, Leber- und Nierenparameter kontrolliert werden. In den ersten eineinhalb Jahren ihrer Erkrankung hatte sie diese unangenehme Prozedur meist ohne ein Jammern über sich ergehen lassen, höchstens beim Pieks einmal kurz gequietscht und sich sofort wieder beruhigt. In den letzten Monaten jedoch hat sie beim Eintreten der Schwester, die bei der Entnahme assistiert, aus Angst jedes Mal angefangen zu weinen. Ja, ich weiß, ein bisschen Weinen ist eigentlich keine große Sache, wird vielleicht mancher sagen. Aber wenn man weiß, dass die ständige Piekserei wohl noch sehr lange zu ihrem Alltag gehören wird, dann fällt es besonders schwer, ihr das immer wieder „anzutun“.

Aber heute war es endlich wieder anders. Als die Ultraschalluntersuchung fertig war, sah das Trinchen den Arzt fragend an: „Kommt jetzt die Frau für das Blut?“ (die Schwester, die bei den Blutentnahmen assistiert)

Geschickt antwortete er mit einer Gegenfrage: „Sollen wir das jetzt schnell machen?“

Trinchen nickte ernsthaft, drehte sich zu mir um und erklärte: „Heute weine ich nicht, Mama, okay?“

Und sie zog es durch. Ernst, aber tapfer wühlte sie mit der freien Hand in der Belohnungs-Spielzeug-Aussuch-Kiste, während am anderen Arm die übliche Suche nach der passenden Vene stattfand. Danach leuchtete der Stolz aus ihren Augen. „Ab jetzt weine ich nie mehr, Mama!“

Und mit einem fröhlichen Winken verabschiedete sie sich von allen.

So stolz auf unsere kleine Maus.

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2 Gedanken zu “Vom Pieks, der seinen Schrecken verlor

    • Hallo Anja,
      danke für deine netten Worte! Wir hatten Glück, alle Werte waren wunderbar im Normbereich. Hoffe, das bleibt noch einige Zeit so 🙂

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