Kontaminierte Gummibärchen und mitleidige Blicke

Heute durfte ich einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachgehen: Mit drei Kindern zum Arzt. Leider nicht zum Kinderarzt… dort warten ja viele Spielsachen, verständnisvolle Arzthelferinnen und neben meinen eigenen auch andere Quellen lauten Geschreis Kinder, so dass ein Besuch dort eigentlich meist recht locker abläuft.

Nein, dieses Mal suchte ich mit meiner Bande eine elegante Hautarztpraxis heim. Die Spielverabredung für Herrn Mittelpunkt und das Trinchen war kurzfristig geplatzt, so dass sie ihren großen Bruder zu seinem Termin begleiten mussten. Mit großen Augen versprachen mir die drei noch draußen vor der Praxis, drinnen auch „gaaaanz lieb“ zu sein. Dermaßen motiviert, trat ich mit ihnen ein.

Während wir noch am Tresen anstanden, verkündete das Trinchen auch schon: „Ich muss Pipi machen!“. Also schnell Jacken aus und mit allen Kindern auf die Toilette – das hat wenigstens den Vorteil, dass man weniger Zeit im Wartezimmer verbringen muss. Ein Blick aus dem Augenwinkel hatte mir gezeigt, dass dort nur einzelne, ruhig lesende Erwachsene saßen.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Kaum im Wartezimmer angekommen, begannen sich meine beiden verlässlichen Streithähne (Trinchen und Herr Mittelpunkt) laut um einen ganz bestimmten Stuhl zu streiten („Ich war hier zuerst!“ – „Nein, ich!“ – „Aber ich bin größer!“ – „Und ich hab Zöpfe!“). Sämtliche zunächst mit freundlicher, dann sehr bestimmter Stimme geäußerten Schlichtungsversuche prallten wirkungslos an den beiden ab, so dass ich das Trinchen auf meinen Schoß zwingen musste. Dies quittierte sie unter den teils mitleidigen, teils amüsierten Blicken der Mitwartenden auch umgehend mit einem durchdringenden „Mama, du bist blöd!“, was den Zuschauern wohl endgültig die Zweifel an der mangelnden Erziehung meiner Kinder nahm. Da weder Kinderbücher noch kindgerechte Zeitschriften aufzutreiben waren, durften die drei mit meinem einen Iphone spielen. Drei Kinder, ein Iphone. „Ich bin dran!“ – „Du warst vorhin aber länger!“ – „Ich will jetzt auch mal, Mama!“ Wenigstens sank die Lautstärke nun etwas, und die Mitwartenden widmeten sich wieder ihrer Lektüre.

Ungefähr zehn Stunden Minuten später wurden wir endlich aufgerufen. Während ich versuchte, mit der Ärztin ein kurzes Anamnesegespräch zu führen (der Wissenschaftler hat hartnäckige Warzen unter den Zehen, die sich allen Selbsttherapieversuchen widersetzen und ihn beim Laufen stören), hielt ich mit einer Hand das Trinchen davon ab, sich auf den Stuhl neben mir zu stellen und zischte Herrn Mittelpunkt zu, nicht zu seinem Bruder auf die Liege zu klettern.

Anschließend durften wir in einem Behandlungsraum noch eine Ewigkeit auf eine Arzthelferin warten, die die Abtragung und Vereisung durchführen sollte. Und wieder einmal war ich erstaunt, mit wie viel Kreativität mein Nachwuchs selbst in engsten Räumen ungeeignete Spielsachen findet: der Wissenschaftler und das Trinchen erkundeten hingebungsvoll einen Mülleimer, der zugegebenermaßen einen interessanten Öffnungsmechanismus hatte, aber dennoch mit ekligen Pflastern und Tupfern der vorher Behandelten gefüllt war. Während ich die beiden davon abhielt, ihn weiter anzufassen, hatte Herr Mittelpunkt auch schon eine Armstütze eines Behandlungsstuhls abgeschraubt. Es half auch nicht, dass der Behandlungsraum mehrere nur durch Stellwände abgeteilte Behandlungsstühle besaß, auf denen teilweise auch Leute warteten oder behandelt wurden, und die die Audioversion unseres Theaters live mitbekamen. Wer lauter war – die kichernden Kinder oder die zurechtweisende Mama, kann ich Gottseidank nicht beurteilen.

Doch auch der quälendste Termin naht irgendwann seinem Ende. Erstbehandlung geschafft. Auf die rhetorische Frage „Möchten die Kinder noch Gummibärchen?“ folgten strahlende Kinderaugen und glückliches Kauen – bis das erste rote Tierchen aus einer speckigen kleinen Hand hinunterfiel und ich Trinchen gerade noch daran hindern konnte, es vom Boden einer Arztpraxis (igitt!) aufzulesen und wieder in den Mund zu stecken.

Mit welchem Schreipegel wir die Praxis dann verließen, kann man sich ausmalen.

Ich freue mich schon auf den Kontrolltermin!

 

 

 

 

 

 

 

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5 Gedanken zu “Kontaminierte Gummibärchen und mitleidige Blicke

  1. Oh ja ;D Ich erinnere mich noch, als ich mit meiner damals eineinhalbjähigen bei meiner Hausärztin war. Im Wartezimmer gibt es noch Spielsachen, im Behandlungszimmer nicht. Das war ein Theater sie davon abzuhalten, den Computer ein- und auszuschalten.
    Mit gleich zweien der Sorte, hast du meinen vollen Respekt!

    • Eineinhalb Jahre ist ja auch ein ganz schwieriges Alter! Da wiegt eines von der Sorte manchmal gleich zwei „große“ Kinder auf! Als unser Erstgeborener so alt war, bekam man ihn auch absolut nicht von Türen (auf – zu – auf – zu – auf – zu) und Lichtschaltern weg…

  2. Ein Albtraum! *LOL*
    Ich war neulich mit dem BabyChief bei meinem Hausarzt, da gab es auch gar keine Spielsachen im Wartezimmer. Ich hatte allerdings zum Glück ein paar kleine Sachen und ein Buch mitgenommen – und ihn im Buggy sitzen. Wo er während des Wartens oh Wunder auch blieb. Im Untersuchungsraum war das dann leider ganz anders… Aber wir haben es auch überstanden 😉

    Ach ja… Tür auf – Tür zu – Tür auf etcetc Licht an – Licht aus… Kenne ich alles auch^^

  3. Für dich war es in der Situation sicherlich weniger amüsant, aber ich musste beim Lesen ziemlich schmunzeln („Und ich habe Zöpfe“). Bisher konnte ich noch alle Arzttermine ohne Kind im Schlepptau absolvieren. Mir graut es auch davor, den kleinen Mann eventuell mal mitnehmen zu müssen. Und wenn ich mir das ganze dann auch noch mal drei vorstelle? Oh Gottohgott 😉

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